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Weihnachten liegt immer vor uns

Unser Weihnachtsbaum ist schief. Das haben wir gleich gesehen, als wir ihn gekauft haben. Da haben wir noch gedacht, wir drücken ihn ein bisschen zurecht in seinem Topf. Zuhause haben wir dann gemerkt, dass das nichts nutzt. Er scheint einfach ein bisschen schief gewachsen zu sein.

Wir haben aber trotzdem sofort gewusst: Das ist der Baum, den wir haben wollen. Jetzt steht er in unserem Wohnzimmer. Halt ein bisschen schief.

Aber wie gesagt: Wir wollten ihn. So wie er ist. Und wenn ich ihn mir so anschaue, frage ich mich: Ist nicht das ganze Weihnachten etwas schief dieses Jahr? Das haben wir uns freilich nicht ausgesucht, das wollten wir nicht! Doch wo es nun so ist? Ist es deswegen kein Weihnachten? Oder weniger Weihnachten als sonst?

Oder zeigt nicht gerade dieses schiefe Weihnachten etwas von dem, was Weihnachten eigentlich ist? Krippe und Stall nicht als heimelige Zutaten zu unserem hübschen Weihnachtsfest – sondern als notwendige, etwas schäbige Kulisse, damit das Eigentliche umso mehr glänzt?

Die Älteren erinnern sich noch an die Weihnachten im Krieg und danach. Ich will jetzt keineswegs umgekehrt behaupten, dass Weihnachten mehr Weihnachten wird, wenn alles etwas karg und ärmlich ist. Ich meine etwas ganz anderes: Das, was Weihnachten zu Weihnachten macht, das wirkt immer. Im Krieg und im Frieden, im Überfluss und unter Pandemiebedingungen, im Glück und in der Trauer. Dieses Weihnachten sagt mir: Mach dein Herz auf und wünsch dir was – und lass dich dann von Gott überraschen. Und dann geh los. Folge dem Stern. Und lass dich von einem schiefen Weihnachtsbaum daran erinnern, dass wir noch längst nicht alles bekommen haben, was Gott uns versprochen hat. Da fehlt noch was. Weihnachten liegt eigentlich immer vor uns.

Christian Hartung

Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Kirchberg-Kappel