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Christsein ist nicht nur etwas für den Sonntag

Moment mal... Genau das habe ich gedacht, als ich vor ein paar Wochen folgenden Satz eines Politikers in einem Social-Mediaforum gelesen habe: "Ich bin nicht als Christ im Kreistag, sondern allenfalls in der Kirche!" Geht das? Christ sein nur sonntags im Gottesdienst? Sicher, eine Trennung von Staat und Kirche ist wichtig. Wenn Religion und Staat quasi gleichgeschaltet sind, kann das üble Folgen haben. Da werden zum Beispiel religiöse Gründe für die Unterdrückung von Frauen durch staatliche Institutionen herangezogen, Homosexuelle werden verfolgt, freie Meinungsäußerung ist verboten, wenn sie religiöse Gebote und Gesetze infrage stellt. Gut, dass Kirche und Staat bei uns unabhängig sind.

Und doch: Christsein ist nicht nur etwas für den Sonntag. Christsein hat mit meinem ganzen Leben zu tun. Der Theologe Albert Schweizer hat mal gesagt: Wer glaubt, Christ zu sein, weil er sonntags die Kirche besucht, irrt sich. Man wird ja auch kein Auto, wenn man in eine Garage geht." Christ bin ich mit meinem ganzen Fühlen und Denken und auch in meinem Tun, meinen Gewissensentscheidungen. Und ja, auch gerade in meiner politischen Haltung.

Wenn ich mir die Ideen von Jesus so ansehe, dann lässt er keinen Zweifel daran, was seine politische Haltung war. Immer wieder hat er gezeigt, was Not tut in unserer oft so zerrissenen Welt mit all ihren Gegensätzen. Da hungern die einen und die anderen sind auf Diät. Die einen kaufen Faltencremes und die anderen werden gar nicht alt genug, dass sie ihre Kinder abstillen könnten. Die einen demonstrieren für ihre Zukunft, an Freitagen, und die anderen meinen, auf unserer Erde hat es immer wieder mal Phasen gegeben, in denen Stürme gab und extremes Wetter. Kein Grund zur Beunruhigung.

Wie gut, dass es Christen gibt, die Politik machen und dabei Gedanken einbringen, auf die unsere Gesellschaft sonst vielleicht nicht gekommen wäre. Dass wir zum Beispiel aufgefordert sind, am Frieden festzuhalten, wo wir schnell denken es gäbe zum Krieg keine Alternative; dass es wirklich Brot gibt, das alle Menschen satt macht, wenn wir nicht ein Drittel unserer Lebensmittel wegwerfen. Und dass es ganz und gar nicht unseren abendländischen Werten entspricht, wenn tausende Menschen im Mittelmeer ertrinken, während wir über Grenzsicherung diskutieren.

Aus dem Deutschen Evangelischen Kirchentag in Dortmund letztes Jahr ist ein breites Bündnis aus der Mitte der Gesellschaft zur Seenotrettung entstanden. 567 Organisationen aus Kirche und Zivilgesellschaft haben ein Schiff geschickt. Am vergangenen Sonntag ist die "Sea-Watch 4" ausgelaufen zu ihrer ersten Rettungsmission. So geht Christsein - nicht nur sonntags in der Kirche.

Sandra Menzel
Pfarrerin der evangelischen Kirchengemeinde Büchenbeuren-Laufersweiler-Gösenroth