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Was steht ihr da und schaut zum Himmel?

Eine ziemlich provozierende Frage, oder? Soll ich denn als Christ etwa nicht zum Himmel schauen? Ist das etwa nicht die Richtung, aus der ich Beistand, Antworten, Fingerzeige erwarten darf (vorausgesetzt, wir bleiben mal beim üblichen Sprachgebrauch und nehmen den Himmel als Chiffre für Gott selbst, von dem ich ja nun mal irgendwie aussagen muss, dass er höher und größer ist als wir Erdlinge)? Ja, wo soll ich denn sonst hingucken, wenn nicht zum Himmel?

Und jetzt ist es in der biblischen Erzählung von Christi Himmelfahrt ausgerechnet dieser Himmel (oder besser gesagt: seine Boten, nämlich zwei Gestalten in weißen Kleidern), der zu den zurückbleibenden Jüngern sagt: Was steht ihr da und schaut zum Himmel?

Die Jünger Jesu. Endlich Leute, die nicht im Kaffeesatz lesen, nicht Verschwörungstheorien für die neue Wahrheit halten, nicht den Börsendaten folgen und auch nicht sonstigen Influencern auf den Konsum-Leim gehen, sondern dahin gucken, wohin Jesus ihnen vorausgegangen ist - und dann das: Was steht ihr da und schaut zum Himmel? Na toll.

Aber wenn der Himmel mich was fragt, soll ich nicht schmollen, sondern nachdenken. - Vielleicht gibt es ja eine Sorte in-den-Himmel-Schauen, die nicht guttut? Am und um den Feiertag Christi Himmelfahrt könnte das dann der Fall sein, wenn ich daran hängenbleibe, wie sowas denn möglich ist, naturwissenschaftlich und überhaupt. Oder wenn ich hinter die Geschichte von Jesus einen Haken mache. Es war einmal …

Dann werde ich ein Hans-Guck-in-die-Luft, der am Ende ins kalte Wasser fällt. Den Jüngern Jesu wird gesagt: Schaut nicht zurück; schaut nach vorne. Hängt nicht den alten Zeiten nach, sondern rechnet damit, dass Gott jetzt und hier und heute Gutes mit euch vorhat. Ihr seid jetzt dran. Mit euch geht die Geschichte Jesu weiter. Mit euch wächst sein Reich - wie im Himmel, so auf Erden. In euch und durch euch lebt seine Liebe. Also: Schaut zum Himmel, damit ihr das nicht vergesst. Und dann schaut euch die Erde an, die nach Erlösung schreit. Sagt, was euch froh macht. Tut, was euch vor die Hände kommt. Tut es im Namen Jesu Christi. Er ist im Himmel, bei Gott, dort, wo regiert wird - unsichtbar zwar manchmal für unsere Augen, aber wahr. Und er ist bei euch alle Tage, bis ans Ende der Zeiten.

Ortrun Hillebrand
Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde Zehn Türme